Rede von Sarah Lulu Weber zur Streichung des Umweltausschusses

Rede von der Sitzung der Stadtverordntenversammlung am 28.05.2026

Sehr geehrter Herr Stadtverordnetenvorsteher,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

heute geht es nicht nur um einen Ausschuss. Sondern welchen Stellenwert Klima, Umwelt, Nachhaltigkeit und Zukunftspolitik in Dillenburg haben sollen. Und wir sprechen darüber, welches Signal wir an die Menschen senden, die mit den Folgen unserer Entscheidungen leben müssen.

Die CDU möchte den Ausschuss für Klima und Umwelt, Zukunft und Nachhaltigkeit abschaffen. Wir als Grüne halten das für einen schweren Fehler.

Gerade junge Menschen beschäftigen sich heute mehr denn je mit Fragen rund um Klima und Zukunft. Besonders diese haben das Gefühl, dass über ihre Zukunft entschieden wird, ohne dass ihre Interessen wirklich Priorität haben. Wenn wir jetzt genau den Ausschuss abschaffen, der sich mit diesen Themen beschäftigt, senden wir ein fatales Signal: „Eure Zukunft ist uns nicht wichtig genug.“ Und das kann und darf nicht unser Anspruch als Stadt sein.

Nach dem „European State of the Climate Report“ erwärmt sich Europa fast doppelt so schnell wie andere Weltregionen. Die durchschnittliche Landtemperatur lag im letzten Jahrzehnt bereits über zwei Grad Celsius höher, Extremwetterereignisse nehmen zu und der Meeresspiegel steigt weiter an. Das klingt erst einmal abstrakt – hat für uns aber ziemlich konkrete und fatale Folgen.

Ich bin heute 18 Jahre alt. Im Jahr 2070 werde ich ungefähr 62 sein – also etwa so alt wie einige von Ihnen heute. Wie die Welt dann aussehen wird, wissen wir nicht genau. Politik muss darauf Antworten geben – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt!

Der Ausschuss ist genau dafür da. Er sorgt dafür, dass langfristig gedacht wird. Dass man sich nicht nur mit Problemen von heute beschäftigt, sondern auch mit der Frage, wie Dillenburg in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen soll.

Das wird darüber entscheiden, ob man morgens noch das Fenster öffnen und den Gesang der Vögel hören kann – oder ob die Stille uns daran erinnert, dass wir einen großen Teil unserer Insektenarten verloren haben und damit auch die Grundlage für vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen.

Es wird darüber entscheiden, ob ältere Menschen im Sommer noch ohne Angst vor die Tür gehen können. Denn wir reden hier nicht von ein bisschen Urlaubswetter. Wir reden von Temperaturen über 30 Grad am Tag und tropischen Nächten ohne Abkühlung. Von Hitzeperioden, die Wochen andauern. Von Menschen mit Herz- oder Lungenerkrankungen, die ihre Wohnungen kaum noch verlassen können.

Das ist kein fernes Zukunftsszenario mehr. Das passiert bereits heute – und es wird schlimmer werden, wenn wir nicht handeln.

Es sind die Spaziergänge, die man irgendwann nicht mehr mit seinen Enkeln machen kann. Es ist die Aquarena-Nacht, die wegen extremer Hitze abgesagt werden muss. Es ist der Wildpark in Donsbach, der vielleicht irgendwann nicht mehr öffnen kann. Es sind alltägliche Dinge, die wir verlieren werden – still, nach und nach und besonders unwiederbringlich.

Wer diesen Ausschuss streicht, spart vielleicht auf dem Papier ein Gremium ein. Aber gleichzeitig streicht man Aufmerksamkeit für genau die Themen, die für die Zukunft zentral sind. Denn der Klimawandel ist längst auch eine massive wirtschaftliche Bedrohung – auch für Kommunen wie unsere.

Die zu erwartenden jährlichen Folgekosten des Klimawandels summieren sich laut Berechnungen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz bis 2050 auf 280 bis 900 Milliarden Euro – je nachdem, ob wir den Klimawandel wirksam eindämmen oder eben nicht. Und dabei sind viele Dinge noch gar nicht eingerechnet: Todesfälle, sinkende Produktivität oder der Verlust von Artenvielfalt. Die tatsächlichen Kosten werden also noch deutlich höher sein.

Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum man ausgerechnet den Ausschuss abschaffen möchte, der Raum für diese Diskussionen schafft.

Denn ich sitze heute nicht hier, um Ihnen vorzuschreiben, wie die perfekte Lösung aussieht. Ich wünsche mir vielmehr, dass wir gemeinsam darüber sprechen. In Zeiten gesellschaftlicher Spannungen und zunehmender Polarisierung halte ich es für fatal, demokratische Debattenräume zu schließen.

Wir reden oft davon, junge Menschen politisch beteiligen zu wollen. Wir sagen, wir wollen ihr Vertrauen in die Demokratie stärken. Aber Beteiligung bedeutet nicht nur zuzuhören – Beteiligung bedeutet auch, Themen ernst zu nehmen, die für zukünftige Generationen wichtig sind. Und Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Zukunftspolitik gehören ohne Zweifel dazu.

Vor wenigen Wochen wurde ich zur Vorsitzenden dieses Ausschusses gewählt – und schon heute soll er wieder abgeschafft werden. Das wirft die Frage auf, welchen Stellenwert Zukunftsfragen in dieser Stadt eigentlich noch haben sollen.

Deshalb sage ich und wir als Grüne-Fraktion ganz klar: Dieser Ausschuss darf nicht abgeschafft werden. Denn es geht dabei nicht nur um uns. Sondern für die Menschen, die noch viele Jahrzehnte in dieser Stadt leben werden.

Vielen Dank.